Liebe Tatort-Autoren! Ein offener Brief

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Liebe Tatort-Autoren,

ich weiß gar nicht, ob Ihr Euch untereinander kennt, ob Ihr Euch absprecht, ob es vielleicht eine große jährliche Tatort-Gesamt-Themenkonferenz gibt.

Falls letzteres der Fall ist, klinke ich mich jetzt mal virtuell in diese ein und melde mich zu Wort, als Zuschauer-Joker. Stellvertretend für viele Mütter und Väter, die am Sonntagabend ein mehr oder weniger turbulentes Wochenende Revue passieren lassen, hoffen, dass nach 20 Uhr 15 kein weiteres “Mamaaaa?” aus den Kinderzimmern tönt und die dabei Tatort schauen.

Bitte keine Geschichten mehr, in denen Kinder entführt, missbraucht oder getötet werden. Wir Eltern sind hier nämlich gerade dabei, uns zu enthelikoptern. Wir diskutieren über Kinderfotos im Netz, und einige von uns trauen sich sogar, sie online zu stellen, und die anderen, die das nicht tun, stellen uns dafür nicht an den virtuellen Pranger. Ich zum Beispiel bin Mutter einer knapp 7-jährigen Tochter, wir wohnen in der Großstadt und seit kurzem darf das Kind alleine zum Bäcker laufen oder auch mal 250 Meter weit alleine zum Spielplatz vorgehen, wenn dort eine andere Mutter wartet, die mir die Ankunft meines Kindes per SMS bestätigt. Ich erwäge sogar, das Kind jetzt im Sommer mit anderen Kindern zusammen auf der Straße spielen zu lassen, ohne dass ich daneben sitze. Fast so wie früher, als ich ein Kind war.

Und mitten hinein in dieses Entglucken platzt der sonntägliche Tatort. Jede zweite Woche passieren darin schreckliche Dinge mit Kindern. Könnt Ihr Euch vorstellen, was das mit uns macht, liebe Tatort-Autoren? Mit uns Müttern, die, Hormonen sei Dank, schon heulen müssen, wenn unser Kleinkind zum ersten Mal ein Schnitzel probiert oder das Grüffelokind sich nach bestandenem Abenteuer wieder an seinen Papa kuschelt? Für die wasserfeste Mascara eine tägliche Notwendigkeit ist und die feuchte Augen bekommen, wenn wildfremde Menschen sich das Jawort geben?

Es gibt so viele interessante Verbrechen, Morde und Motive, die man zum Tatort-Thema machen könnte. Gesellschaftspolitisch zum Beispiel. Wie wäre es mit Internetstalking, Identitätsdiebstahl oder verstecktem Rassismus? Mit dem Thema, was Satire darf, ab wann die Toleranten intolerant gegenüber Intoleranz werden müssen oder mit den Verschwörungstheoretikern (Flugzeugabsturz, Chemtrails, sucht Euch was aus)? Vielleicht auch mal was mit der älteren Generation. Tatort Pflegeheim oder so. Gerne auch mal wieder Korruption und Wirtschaftskriminalität oder ein frustrierter Mitarbeiter aus den eigenen Reihen. Alles, nur bitte für mindestens ein Jahr lang keine entführten Kinder mehr.

Vielen herzlichen Dank!

Nachwort zu #regrettingmotherhood

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Hui, das ging ja ganz schön ab. Dieses Blog liest ja normalerweise keiner, was mich aber gar nicht stört. Jetzt haben doch einige meinen Artikel Von der Ambivalenz des Mutterseins gelesen, unter anderem die Redakteure von SPON und der Welt und auch Andreas Weise vom ZDF heute journal. Deswegen durfte ich meinen Senf sogar im Fernsehen noch mal hinzugeben.

Während ich da so auf dem Schwabinger Spielplatz saß und die Fragen der Redakteurin beantwortete, ja, ungelogen während des Interviews, ging mir plötzlich durch den Kopf: Eigentlich ist es doch ganz einfach! Warum schreiben wir uns alle die Finger wund und reden und die Köpfe heiß?

1. Alles im Leben hat zwei Seiten

und

2. Das Glück liegt in einem selbst.*

* Und nicht in der Karriere, nicht in der Weltreise, nicht im Haus im Grünen oder der Altbauwohnung in Schwabing, nicht in der Partnerschaft, nicht im Reichtum, nicht in der Askese, nicht im Traumjob, nicht in der Gesundheit, nicht in den Kindern, nicht in der Kinderlosigkeit, nicht in der Selbstverwirklichung und auch nicht in der Freiheit. Richtig, auch Freiheit macht nicht glücklich. Wobei sie sehr wohl eine Voraussetzung für ein glückliches Leben ist. Im Gegensatz zu Kindern. Besser gesagt: Im Gegensatz zum Kinderhaben, zur Mutterschaft. Meine Kinder sind für mich sehr wohl eine Voraussetzung, um glücklich sein zu können.

Nicht die Gegebenheiten machen uns glücklich oder unglücklich, sondern die Art, wie wir sie betrachten und mit ihnen umgehen.

Meine Kinder machen mich nicht glücklich. Ich möchte ihnen diese Last auch gar nicht aufbürden. Sie sollen nämlich frei sein, um selbst glücklich bleiben und werden zu können.

PS. Und so war das manchmal im vorletzten Jahrhundert … Ob sie es wohl jemals bereut hat, acht Kinder bekommen zu haben?

PPS. Es ist klar, dass die ganze Diskussion sich um ein Luxusproblem dreht. Man befrage mal Mütter, die todkranke Kinder haben oder ein Kind verloren haben, zu diesem Thema … Aber auch hier schließt sich der Kreis: Manche Mütter ertragen eben genau diese ungeheure Verletzlichkeit nicht, die die Mutterschaft mit sich bringt. Ambivalenterweise ist es genau die Angst davor, das Liebste zu verlieren, die sie wünschen lässt, sie hätten es nie kennen gelernt.

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Von der Ambivalenz des Mutterseins

Dafür, dass ich bald 40 werde, habe ich oft das Gefühl, das Leben noch erstaunlich ungenügend kapiert zu haben. Wobei ich dieses Kapieren umgekehrt als Lebensaufgabe betrachte, oder, um mit Helmut Dietls Figur Tscharlie aus den Münchner Geschichten zu sprechen: Zuerst is’ schee, und dann is auf amoi ois vorbei. Es gibt aber eine Sache, die ich schon recht früh erkannt habe: Alles im Leben ist ambivalent, das Leben selbst ist von Grund auf ambivalent. Außer Leben und Totsein selbst gibt es kein entweder-oder, kein Schwarz und Weiß.

Und so ist das auch mit dem Muttersein. Mein Kinderwunsch, den ich mit Ende zwanzig entwickelte und der sich mit Anfang dreißig schließlich erfüllte, kam ganz klar von Kopf her. Mir war klar, dass ich mich entscheiden musste: Entweder ich würde Mutter und probierte das Muttersein aus, oder ich bliebe kinderlos. Ich wusste aber, dass ich – sollte ich kinderlos bleiben – sehr lange, vielleicht sogar mein Leben lang, dieser Erfahrung, die ich dann nicht gemacht hätte, nachtrauern würde. Einer elementaren Lebenserfahrung, die noch dazu von rosafarbenen und bunten Mythen umrankt wird, was mir aber ziemlich klar war. Davor hatte ich Angst. Angst, mit Mitte vierzig festzustellen: War ja toll, das Leben bisher mit der Karriere, den Reisen und der Freiheit, aber die Sehnsucht nach einem eigenen Kind frisst mich jetzt leider doch auf. Andersherum hatte ich noch keine Mutter getroffen und auch von keiner gelesen, die gesagt hätte: Ich bereue es, Kinder bekommen zu haben, und wenn ich könnte, würde ich es rückgängig machen. Die Entscheidung für ein Kind (und dann noch ein zweites) war also eine klare und ziemlich unromantische Kopfentscheidung, um auf der vermeintlich sichereren Seite zu sein.

Tja, und heute, mit fast 40, schaue ich mir mein Leben an und sage: Nein, ich bereue es nicht, Kinder bekommen zu haben, und ich möchte es auch nicht rückgängig machen. Aber das liegt nur daran, dass ich meine Kinder über alles liebe und sie um nichts in der Welt hergeben würde. Das Konzept der Mutterschaft selbst ist, stelle ich nach knapp sieben Jahren fest, nicht meins. Ich bin jemand, der das Alleinsein braucht wie die Luft zum Atmen. Ich hasse es, mich unfrei zu fühlen oder gar unfrei zu sein, Rechenschaft ablegen zu müssen, mich sklavisch an Termine halten zu müssen. Ich bin nicht besonders gut organisiert, eine totale Nachteule und meine Stimmung schwankt manchmal wie die eines pubertierenden Teenagers. Ich bin von Natur aus eher faul als fleißig, außer, eine Tätigkeit begeistert mich.

Die Disposition zu all diesen Merkmalen ist nicht gerade die ideale Basis, um Mutter zu werden. Schon klar. Ich hatte allerdings den Glauben, dass ich in die Mutterrolle hineinwachsen würde – und das tat ich dann auch. Ich komme klar. Ich vernachlässige meine Kinder nicht, und ich würde alles für sie tun, um sie vor Unbill zu schützen. Aber alles – vom Befüllen der Brotzeitboxen über das Verarzten von aufgeschlagenen Knien bis zum Reisen mit meinen Kindern – strengt mich an. Ich tue es gerne, weil ich meine Kinder liebe. Oft macht es mir auch Freude. Trotzdem strengt es mich an, und oft genug mag ich (gerade) nicht (und tu’s dann trotzdem). Oft fühle ich mich wirklich so, als würde ich die Mutterrolle nur spielen.

Meine Kinder geben meinem Leben Freude, Sinn, Orientierung, Spaß und vor allem Liebe. Sie sind ganz wunderbar. Und trotzdem wünsche ich mir manchmal ein Parallelleben. So wie im Film “Sliding Doors”. Ein Leben, das meinem aktuellen sehr ähnelt, also ein Leben mit Kindern. Und parallel dazu ein zweites, in dem ich keine Kinder habe. Es würde mich einfach interessieren, wie das so wäre, jetzt, mit fast 40. Und ohne Kinder.

Vielleicht ist das eine Idee für einen neuen Roman. Den neuen Roman, den achten, an dem ich seit über vier Jahren scheitere. Scheitere, weil ich nicht oft genug allein bin, weil ich immer zu viel zu tun habe, weil ich Geld für meine Familie verdienen muss, weil ich keine Zeit für Gedankenspiele und Tagträume habe, weil ich morgens um halb sieben aufstehen muss und deswegen keine Nächte durchschreiben kann. Und weil mein Leben so bunt und banal ist, dass es mich nicht zu einem Roman inspiriert.

Bis jetzt zumindest.

Anlass für diesen Text: Unglückliche Mütter – sie wollen ihr Leben zurück (Süddeutsche Zeitung vom 5. April 2015)

Weitere Beiträge zu #regrettingmotherhood:

Mama arbeitet: Regretting Motherhood? Nein. Aber

Phönixfrauen: Mutter-un-Glück

Mutterseelenalleinerziehend: Sehnsucht nach Freiheit. Manchmal.

Die Störenfriedas: Leben im Käfig

Herz und Liebe: Die Sehnsucht nach der Unabhängigkeit

Frida Mercury: Regretting Motherhood? Die Suche nach dem Glück

Berlin Mitte Mom: Ambivalenz ist nicht Bereuen

Lieber Chris Martin! [Eine Entschuldigung]

Lieber Chris Martin,

ich hatte die große Ehre, gestern beim “kleinen” Konzert in der Münchner BMW Welt dabei sein zu dürfen. Vorab: Es war ein absolut großartiger Abend. Mein siebtes Coldplay-Konzert seit 2002 und ein Gefühl wie vor 12 Jahren im ebenso “kleinen” Zenith. Nur, dass Ihr inzwischen eine der gefragtesten und populärsten Bands der Welt seid, wenn nicht sogar DIE.

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Ich möchte mich entschuldigen, bei Dir und Deiner Band. Und zwar für die Leute (zum Glück waren sie in der Unterzahl), die gestern auf dem Konzert waren und den Eindruck vermittelten, als habe man sie gezwungen, hinzugehen. Nichts gegen etwas ältere Fans. Musik kennt kaum Jahrgänge. Aber was macht man auf einer one-off show, für die das Ticket 100 Euro kostet (und 2000 bei eBay), wenn man ganz offensichtlich kein einziges Lied kennt, diese unbekannte Musik auch nicht besonders gut findet und es befremdlich findet, wenn Konzertbesucher vor Begeisterung in die Luft springen? Warum stellt man sich dann 82 Minuten lang in die Menge und zieht ein Gesicht, als wäre man auf einer Trauerfeier? Oder der Herr vor mir, der das gesamte Konzert mit einer Kamera gefilmt hat, vom ersten bis zum letzten Akkord. Wahrscheinlich möchte er es sich dann zu Hause in Ruhe anschauen und -hören, ohne diese unangenehme, verschwitzte Liveatmosphäre und nicht ganz so laut wie in echt. Ich möchte mich auch für die junge Frau links neben mir entschuldigen, die während des kompletten Konzerts mit versteinerter Miene und ohne auch nur einmal mit dem Fuß zu wippen, dastand und litt. Ihre einzige Regung war, zwischendurch genervt auf ihr Handy zu schauen, um die Uhrzeit abzulesen. Und einmal bekam ich einen giftigen Blick ab, weil ich laut (zu laut) “Wu-huuuu!” brüllte.

Zu Deinem Glück hast Du diese Leute gar nicht gesehen, Chris. Ich nehme an, weiter vorne, in Deinem Blickfeld, waren sie nicht. Und zu meinem Glück hast Du es geschafft, mein Genervtsein mit Deiner Musik auszuschalten. Es waren absolut gigantisch-wunderschöne 82 Minuten. Vielen Dank dafür.

Aber beim nächsten Mal bin ich statt Ausweiskontrollen für unangekündigte Testfragen am Einlass. Oder das Ansingen eines unbekannteren Coldplay-Songs. Damit nur noch die reinkommen, die Euch auch wirklich mögen.

Herzliche Grüße,

Deine Anette

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Kinder zu kriegen ist nicht schwer – Kind zu sein dagegen sehr!

Protokoll des 20. November 2014. Teil I: Der Morgen.

6 Uhr 45: Ich küsse den Sohn (3) wach, der wieder mal in meinem Bett geschlafen hat. (Sohn quengelt und jammert.)

6 Uhr 50: Ich wecke die Tochter (6) mit netten Worten. (Tochter quietscht und jammert laut.)

7 Uhr: Ich mache dem Sohn sein Müsli und will es auf den Tisch stellen. (Sohn protestiert, er will es selber zum Tisch tragen und hinstellen.)

7 Uhr 05: (Sohn steht immer noch weinend mit der Müslischale in der Hand in der Küchentür.)

7 Uhr 05: Ich frage, ob ich die Müslischale auf den Tisch stellen soll oder ob etwas mit dem Müsli nicht stimme. (Sohn kreischt, heult und äußert Unverständliches.)

7 Uhr 08: Ich finde heraus, dass nicht das Müsli falsch war, sondern der Löffel, und nehme den aktuellen Löffel aus dem Müsli. (Sohn schreit empört auf.)

7 Uhr 08: Ich stecke den gewünschten Lufthansalöffel ins Müsli (Sohn beschwert sich, er wollte den Löffel selber ins Müsli stecken.)

7 Uhr 10: Die Tochter schlurft in die Küche, ich weise sie freundlich darauf hin, dass sie in 25 Minuten los muss und frage sie, was sie frühstücken möchte. (Tochter beschwert sich, sie will nicht in die Schule, Schule ist doof und sie sei krank.)

7 Uhr 10: Ich befühle die Stirn der Tochter und denke laut darüber nach, ob ich in der Schule anrufen und sie krankmelden muss. (Tochter kreischt, nein, sie sei nicht krank und sie wolle ja in die Schule, nur nicht so früh am Morgen.)

7 Uhr 25: Sohn macht Unsinn, statt zu essen, ich bitte ihn, aufzuessen und zum Anziehen mitzukommen. (Sohn meckert, isst aber nicht.)

7 Uhr 27: Nach der dritten Aufforderung schnappe ich mir den Sohn und trage ihn ins Schlafzimmer, um ihn anzuziehen. (Sohn protestiert lauthals.)

7 Uhr 28: Ich möchte dem Sohn den Schlafanzug mit den fluoreszierenden Knochen darauf ausziehen. (Sohn beschwert sich, er möchte ihn anbehalten.)

7 Uhr 29: Die Tochter betritt im Schlafanzug den Raum. Ich bitte sie, sich rasch anzuziehen. (Tochter jammert.)

7 Uhr 32: Ich bitte beide Kinder, sich die Jacken und Schuhe anzuziehen. (Keins jammert. Keins zieht die Jacke an.)

7 Uhr 33: Ich bürste der Tochter vorsichtig die Haare, während sie ihre Schuhe anzieht. (Tochter schreit prophylaktisch schon vor dem Bürstenkontakt “aua, aua!”.)

7 Uhr 34: Es klingelt an der Tür, ich ziehe dem Sohn schnell die Schuhe an, weil er nichts gemacht hat. (Sohn quengelt, er wollte sich die Schuhe selber anziehen und überhaupt, er wolle die Sandalen tragen.)

7 Uhr 35: Wir gehen zusammen mit Nachbarin und Nachbarskindern die Treppe hinunter. Sohn hat seinen Schirm dabei, obwohl es nicht regnet, und Probleme, damit aufs Laufrad zu steigen. Ich biete ihm an, den Schirm zu tragen. (Sohn weigert sich, den Schirm herzugeben und kreischt.)

7 Uhr 37: Sohn und ich holen Tochter und Nachbarskind ein, die schon 100 Meter Vorsprung haben. Sohn kann die Klingel am Laufradlenker nicht bedienen, weil er den Schirm festhalten muss. (Sohn echauffiert sich.)

7 Uhr 38: Ich bitte die Tochter, mit dem Nachbarskind zusammen zu gehen und nicht immer stehen zu bleiben. (Tochter heult, sie habe ja nur auf uns warten wollen.)

7 Uhr 42: Da die Tochter und das Nachbarskind nicht zusammenbleiben, lasse ich sie nicht ab der Ecke alleine zur Schule laufen, sondern gehe mit. (Tochter und Nachbarskind äußern ihren Unmut darüber.)

7 Uhr 45: Tochter und Nachbarskind verschwinden im Gewühl vor der Schule. (Sohn jammert, er will weiterfahren.)

7 Uhr 50: Sohn wartet so lange beim Überqueren einer kleinen Seitenstraße, bis ein Auto kommt. Der Autofahrer winkt uns rüber. Ich erkläre dem Sohn, dass wir gehen können und schiebe ihn ganz leicht am Rücken an. (Sohn kreischt und lässt sich theatralisch mitten auf der Straße fallen. “Nicht mich schubsen!!!”)

8 Uhr: Wir erreichen den Kindergarten. Im Hausflur ist es noch dunkel, ich betätige den Lichtschalter. (Sohn heult, er wollte das Licht anmachen.)

8 Uhr 05: Ich verlasse den Kindergarten.

RUHE.

[tbc]

Weil es Liebe ist.

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Ich mag keine organisierte Fröhlichkeit. Keine Menschenmassen. Schon gar nicht, wenn sie außer Kontrolle geraten. Überfüllte U-Bahnen sind mir genauso zuwider wie Besoffene, und Kotzpfützen rangieren auf meiner Ekelskala noch vor Hundehaufen. Ich kann nichts Positives finden an nächtlichem Gegröle unterm Fenster, an Landhauskleidern und Damen-Trachtenhüten und an Unmengen von italienischen Wohnmobilen, die die Münchner Straßen zuparken.

Jedes Jahr sage ich mir, dass ich diesmal bestimmt nicht rausgehe. Dass die Dirndlschürze ungebügelt bleibt und der Dirndl-BH im Schrank. Rechne mir aus, wie viel Geld ich mir spare, wie viele Ibuprofen und Gehirnzellen. (Ich kann nämlich ohne Alkohol lustig sein, gelegentlich, aber sicher nicht auf der Wiesn.)

Und überhaupt, als Mutter von zwei Kindern bin ich aus dem Alter raus, in dem ich – in meinen wilden Zeiten bis zu elf Mal in zwei Wochen – am Massenbesäufnis teilnahm. Kleinen Kindern kann man das Ganze ja eh nicht zumuten. Die vielen Menschen, die Lautstärke, die totale Reizüberflutung und die Reduzierung von Geselligkeit auf gemeinschaftliches Bierkrugleeren.

Das Münchner Oktoberfest ist riesig, laut, grell, ordinär, primitiv und immer ein bisschen klebrig. Die Wiesn macht schmutzig, arm und Kater.

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Und dennoch. Dieses Gefühl, wenn ich Ende September zum ersten Mal auf der Rolltreppe von der U-Bahn-Station Theresienwiese hinauffahre und hinter den ganzen Leuten, die das vor mir tun, langsam die Fahrgeschäfte auftauchen und der Sound der Wiesn an meine Ohren dringt. Stimmengewirr, Karussellansagergeknödel und Popmusik. Wenn mir dann der Duft der gebrannten Mandeln, vermischt mit dem von halben Hendln, in die Nase steigt und die Abendsonne hinter dem Armbrustschützenzelt hervorblinzelt. Dann weiß ich wieder, wo ich daheim bin und wo ich hingehöre. Vielleicht kommt es ja daher, dass ich mitten in der Wiesnzeit geboren wurde, mittags an einem warmen, sonnigen Herbsttag und in der Klinik, die der Theresienwiese am nächsten ist.

Auf jeden Fall muss es Liebe sein. Sonst würde ich mir diesen Wahnsinn nicht seit 35 Jahren jeden September wieder aufs Neue antun. Und jetzt muss ich rasch meine Dirndlschürze aufbügeln …

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