Der Rest der Welt: München-Neuhausen

Ganz ehrlich, ich weiß nicht, ob ich den Artikel bei Maximilian Buddenbohm richtig verstanden habe, ob jeder mitmachen darf, der will, und ob das Ding nun auch Hamburg verlassen darf und soll. Aber ich habe Lust, über mein Viertel zu schreiben, also mach ich’s einfach mal.

München-Neuhausen. Offiziell heißt der Stadtbezirk Nr. 9 Neuhausen-Nymphenburg, aber ich sage lieber Neuhausen, weil Nymphenburg so überkandidelt klingt. Manchmal fragen mich Leute aus Neuhausen, wo genau wir wohnen, und dann sage ich “in Gern”, was ich dann gleich wieder mit dem Zusatz “nicht im Villenviertel” versehe, weil ich möchte, dass die Menschen mich wegen meines guten Charakters und meiner netten Art schätzen und nicht, weil ich über ein Millionenvermögen verfüge, was ich ja auch gar nicht tue. Ich wohne also eigentlich gar nicht in Neuhausen, sondern quasi im Nobelvorort des Stadtteils. Dort allerdings auf der “falschen” Seite, dort, wo sich nicht Jugendstilvillen vom Anfang des 20. Jahrhunderts aneinanderschmiegen, sondern gelbe und graue Häuser aus den Sechzigerjahren, deren Architektur eher an Duplo als an die Gründerzeit erinnert.

Aber zurück zu Neuhausen. 90.000 Menschen wohnen hier, damit ist es der zweitgrößte Stadtteil Münchens, was die Einwohnerzahl angeht. Schaut man sich den Umriss von München an, scheint Neuhausen fast im Zentrum zu liegen. Tut es aber nicht, weil die Altstadt von München eher nach rechts unten, also nach Südosten tendiert, und wir sind von dort aus gesehen im Nordwesten.

Das Zentrum von Neuhausen ist der Rotkreuzplatz. Wahrlich kein Schmuckstück, dieser verkehrsumflutete Platz mit braunem Klinker. Nicht mal, wenn Christkindlmarkt ist, wird er richtig gemütlich. Beherrscht wird der Platz vom namensgebenden Rotkreuzklinikum, der Schwesternschaft vom Roten Kreuz, einem schmucklosen Hochhaus. Dann gibt es da noch einen Kaufhof, Galeria heißt der ja jetzt, und der sieht genauso aus wie überall und beherbergt genau dasselbe Angebot: Eine gut sortierte, aber überteuerte Fressmeile im UG und ansonsten alles, was man braucht, aber nie das, was man wirklich gerne hätte. Zum Glück gibt’s am Rotkreuzplatz noch Tchibo, leider ohne Kaffeeausschank, was mich immer wieder amüsiert. Berühmt über die Viertelgrenzen hinaus, man munkelt sogar, über die Stadtgrenze hinaus, ist die Eisdiele Sarcletti. Als ich ein Kind war, sind meine Eltern mit mir manchmal  – total crazy – aus unserem Vorort im Südosten mit dem Auto zum Rotkreuzplatz gefahren, um dort eine halbe Stunde lang fluchend einen Parkplatz zu suchen und ein Eis zu essen. Das waren halt noch Benzinpreise … Sarcletti war der erste, der mehr Sorten als Vanille, Schokolade und Erdbeere anbot. Und es bis heute tut. Es gibt sogar Hugo-Eis.

In den Nebenstraßen der Nymphenburger Straße, der Hauptschlagader Neuhausens, gibt es ein paar Wirtschaften (so heißen die bayerischen Restaurants), einige Boazn (Spelunken) und wirklich lustige Kneipen wie das Muffins&More, das berühmt ist für seinen American Cheesecake (gibt’s als Junior, also pur, oder als Senior, mit Laphroaig Whisky), dessen Stücke leider immer schmäler werden, mittlerweile kostet ein Bissen umgerechnet 40 Cent. Neben dem wunderbaren, überteuerten Käsekuchen gibt es im Muffins&More auch ein gutes Chili con Carne. Der Laden ist eine skurrile Mischung aus Café und Boazn, genau wie sein Besitzer, JJ, eine nicht minder ungewöhnliche Mischung aus Mann und Frau ist.

Berühmt ist auch das Ruffini, ein alternativ angehauchtes Café mit wunderbarer Sommerterrasse im 1. Stock. Dort treffen sich Künstler, Kuchenliebhaber, Businesslunchleute und Stillmütter und mampfen friedlich nebeneinander vor sich hin. Abends soll es auch ganz nett sein, mit gutem Wein und so, aber ich war leider noch nie abends dort, wegen der Kinder, Sie wissen schon.

Apropos Kinder: davon gibt es sehr viele hier, Neuhausen ist ein recht junges Stadtviertel. Der zentrale Treffpunkt ist ein schöner Spielplatz in einem kleinen Park, an dem ich in den drei kinderlosen Jahren, die ich hier lebte, immer vorbeigelaufen bin, ohne seine Existenz zu bemerken. Heute verbringe ich die Zeit, in der es nicht regnet, zur Hälfte in diesem Grünwaldpark und zur Hälfte in “unserem” Biergarten, dem Taxisgarten, der nur 150 Meter von unserer Wohnung entfernt liegt. Einer der schönsten Biergärten Münchens, versteht sich! Trotz mittelmäßigem Essens (die Spareribs sollen gut sein, aber ich mag keine Spareribs), trotz teurem, mittelmäßigen Essens, trotz unfreundlichen Personals und trotz Bierbänken mit Lehnen. Geht eigentlich gar nicht, wir Bayern sind da ein bisschen konservativ. Allerdings war es zum Stillen ganz angenehm, und schließlich haben meine beiden Kinder ihre ersten Sommer hauptsächlich in diesem Biergarten verbracht. Wir feiern dort Kindergeburtstage mit 20 Vierjährigen und keiner stört sich daran, wenn wir sieben Tische dekorieren, Luftballons aufhängen, ein Kuchenbuffet aufbauen und auch sonst das ganze Essen selbst mitbringen, solange wir nur das Bier nicht mitbringen, sondern dort kaufen. Das ist schön, das ist praktisch, das ist bayerisches Biergartenrecht.

Was ist noch erwähnenswert? Ach ja, schräg gegenüber vom Taxisgarten, in der Taxisklinik, kommen ca. 3500 Babys pro Jahr auf die Welt. Die Hochschwangerendichte ist in dieser Ecke demzufolge signifikant erhöht, und ich zucke nicht mehr zusammen, wenn ich im Sommer unter meinem Arbeitsplatz auf dem Balkon wehenveratmende Geräusche höre. Ist ja nicht weit, ich bin damals auch zu Fuß hingelaufen, mitten im Hochsommer.

Es gibt einen fabelhaften Abenteuerspielplatz für größere und kleinere Kinder, den fast niemand kennt. Die (nicht der) FT Gern ist hier beheimatet, Philipp Lahms Heimatverein. (Philipp Lahm, das ist der Fußballnationalspieler, der ein bisschen aussieht wie Nemo aus dem Pixar-Film.) Beim Metzger und beim Gemüsehändler an der Straßenecke treffe ich häufig Axel Milberg oder Edgar Selge mit und ohne Franziska Walser. Olivia Pascal ist oft im Taxisgarten und der Schauspieler Ernst Hannawald kennt meine Kinder mit Namen, er wohnt im Haus gegenüber.

In der Lachnerstraße gibt es eine tolle, ultramoderne und stylische katholische (!) Kirche, Herz Jesu, ein blaues Glaskonstrukt, das sich immer wieder geduldig fotografieren lässt. Gegenüber ist ein Blindenheim mit angeschlossenem Spielplatz, der zweimal die Woche auch für Nichtblinde geöffnet hat. Meine Tochter nennt ihn den “Lindenspielplatz”.

Dann gibt es noch den Kanal, der schnurgerade zum Nymphenburger Schloss führt, und die Gerner Brücke, die ihn überspannt. Die Anwohner der Südlichen und Nördlichen Auffahrtsallee beschweren sich darüber, dass diese Brücke vom Treffpunkt von randalierenden Jugendlichen geworden sei, aber in Wirklichkeit sitzen da bei schönem, milden Wetter abends nur ein paar nette junge Leute, die Lieder von Mumford&Sons spielen und ihre leeren Weinflaschen meistens wieder mitnehmen.

Neuhausen ist schwer zu beschreiben, merke ich. Weil es alles gibt. Wunderschöne Altbauten und hässliche Betonklötze. Sozialwohnungen und Eigentumsvillen, die ein paar Millionen wert sind. Kleine Kinder und alte Leute. Zu viele Apotheken und zu wenig Briefkästen. Grüne Ecken mit altem Baumbestand und 300 Meter entfernt die Landshuter Allee, das hässlichste und dreckigste Stück Stadtautobahn Münchens. Alternative Künstler und Steuerberater. Die Architektenkammer und das Mütter-Väter-Zentrum. Nur eines gibt es nicht: Schicki-Micki-Lokale. Dafür muss man rüber nach Schwabing fahren oder in die Innenstadt. Neuhausen ist viel, aber nicht Heimat irgendeiner Schickeria. Es ist auch nicht wirklich alternativ, es ist ein eher pragmatisches Viertel, und zur Not ist man mit der U-Bahn in 6 Minuten am Hauptbahnhof und von dort aus, wie jeder seit Stammel-Edes Rede weiß, in 10 Minuten in der ganzen Welt.

Es gibt sogar einen Roman über Neuhausen, einen ungewöhnlichen Krimi: Rotkreuzplatz da Vinci von Jakob Maria Soedher. Sehr empfehlenswert, auch für Nicht-Neuhausener. Wobei sich der Held des Romans eher “drüben” bewegt, innerhalb des Mittleren Rings. Da ist nämlich auch noch Neuhausen. Aber das ist eine andere Geschichte, die ein andermal erzählt werden soll.

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